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„Tschechien will sich im Standortwettbewerb profilieren“

DowJones Ostwirtschaftsreport Interview mit Renata Haklova

28.02.2007

Tschechien ist als Standort für Global Player weiterhin ein sehr gutes Pflaster. Das gilt insbesondere für deutsche Unternehmen, die seit Jahren kräftig investieren.  Über den derzeitigen Stand der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sowie die aktuellen Bemühungen der tschechischen Regierung, das Land noch investitionsfreundlicher zu gestalten, führten wir* mit Renata Haklova, Leiterin der deutschen Vertretung von CzechInvest - Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung, folgendes Interview:

 

Dow Jones: Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen?

Haklova:Das Interesse deutscher Unternehmen an Investitionsprojekten in Tschechien ist nach wie vor groß. Das betrifft vor allem die geschäftlichen Aktivitäten in der Automobilindustrie. So haben beispielsweise die deutschen Zulieferer Automotive Lighting Reutlingen und Behr ihr Engagement in Tschechien deutlich ausgebaut. Die Volkswagen-Tochter Skoda Auto begann kürzlich mit dem Aufbau eines neuen Technologiezentrums unweit ihres Stammsitzes in Mlada Boleslav. Dort sollen mit 360 Fachkräften neue Elektronik, Fahrgestelle und Motoren entwickelt werden. Für das vor zwei Jahren gestartete Projekt hat der tschechische Automobilhersteller mehr als 47 Mio USD bereitgestellt. Zu nennen ist auch die Robert Bosch GmbH, die ihr Entwicklungszentrum in Ceske Budejovice um weitere 50 Mitarbeiter erweitert. Siemens VDO hat in Trutnov ein Werk von Infineon übernommen und die Produktionstätigkeiten vor Ort deutlich erweitert. In Frenstat pod Radhostem errichtete der Siemens-Konzern ein neues Entwicklungszentrum für Automobilsensoren. Aber auch für Investitionen aus anderen Branchen ist die Tschechische Republik weiter attraktiv. So entschied sich die Deutsche Börse Group im Juli vergangenen Jahres, ein IT-Entwicklungszentrum in Prag anzusiedeln. Die Agentur Deutsche Börse Services wird von dort aus die Software für das gesamte Unternehmen entwickeln. Im Oktober 2006 eröffnete die Deutsche Lufthansa ihr Global Load Centre in Brno. Es ist verantwortlich für die Gewichtsermittlung von Lufthansa-Flugzeugen, die sich im europäischen Luftraum bewegen.

Dow Jones: Zieht es neben deutschen Großunternehmen mittlerweile auch Mittelständler nach Tschechien?

Haklova: Ja, durchaus. Vor allem die Branchen Automotive, Elektrotechnik/ Elektronik sowie Maschinen- und Anlagenbau wirkten im vergangenen Jahr auf deutsche Klein- und Mittelunternehmen wie ein Magnet. Lassen Sie mich einige Beispiele für Geschäftsaktivitäten deutscher KMU anführen: Windmüller & Hölscherhat im April 2006 die Produktion von Verpackungsmaschinen in Prostejov gestartet. Die Horst Brandstätter Holding GmbH (Playmobil) und der Automobilzulieferer Hammerwerk bauten beide jeweils ein neues Werk im Industriegebiet in Cheb. Die ROS GmbH wird künftig Kunststoffteile in Most herstellen. Das anhaltend große Interesse deutscher KMU am Standort Tschechien spürt auch die Firma SAP, die ein regionales Zentrum für die Entwicklung von Programmen für kleine und mittelständische Unternehmen in Prag eröffnet hat.

Dow Jones: Wie ist das Investitionsverhalten deutscher Unternehmer?

Haklova:Es gibt noch eine Reihe von Unternehmen, die nicht tief in die tschechischen Regionen eindringen, sondern sich zunächst erst einmal nahe der deutschen Grenze ansiedeln. Wir bearbeiten beispielsweise zurzeit die Anfrage eines großen süddeutschen Unternehmens. Es will nur maximal 50 km von seinem jetzigen Standort entfernt ein Standbein in Tschechien aufbauen.

Dow Jones: Warum nur 50 km?

Haklova:Das hängt ausschließlich vom Produkt der Firma ab, das zunächst in Tschechien hergestellt wird und danach zurück ins Stammwerk oder auf den deutschen Markt zu den bestehenden Kunden transportiert wird. Hier sind die kurzen Transportwege wichtig. Mit fehlendem Vertrauen in den Standort Tschechien hat das nichts zu tun.

Dow Jones: Das Fusionsfieber (Mergers & Acquisitions) grassierte 2006 auch in Mittel- und Osteuropa. Wie gehen ausländische Firmen möglichen Übernahmen oder Joint-Venture-Gründungen in Tschechien vor?

Haklova:Die meisten deutschen Unternehmen prüfen zunächst unabhängig von der Größe der geplanten Investition die Möglichkeit einer strategischen Zusammenarbeit. Bevor es zu einem Joint Venture oder der Übernahme eines tschechischen Betriebes durch einen deutschen Investor kommt, gibt es erste vorsichtige Geschäftskontakte zwischen beiden Seiten. Manchmal wird die Zusammenarbeit anfangs durch Testaufträge gestartet. Dabei erklärt sich der deutsche Unternehmer entweder bereit, ein Joint Venture zu gründen oder sich an der Investition in neue Technologien zu beteiligen. Klappt dies nicht bzw. schlägt die mögliche Übernahme des tschechischen Betriebes fehl, entscheiden sich trotzdem viele deutsche Firmen für eine Neugründung.

Dow Jones: Was unternimmt die neue Regierung unter Ministerpräsident Mirek Topolanek, um den I n v e s t i t i o n s s t a n d o r t Tschechien 2007 noch attraktiver zu machen?

Haklova:Den politisch Verantwortlichen geht es vor allem um eine Reform der staatlichen Förderungsinstrumente. Wir haben bekanntlich zwei Arten staatlicher Beihilfen in unserem Land: Die nationalen Förderprogramme der tschechischen Regierung und die Finanzierungshilfen aus den EU-Strukturfonds. Das neue Kabinett in Prag wird voraussichtlich im Juni dieses Jahres eine Novelle verabschieden, um vor allem die vom Staat bevorzugten Investitionen in neue Technologien undzukunftsfähige Innovationen zu fördern. Bereits seit 1. Januar 2007 gelten die neuen Regelungen der EU für die maximale Höhe der öffentliche Förderung einer Investition. So werden die Investitionen jetzt maximal bis zu 40% der Investitionskosten gefördert. Bei KMU sind sogar bis zu 60% möglich. Wichtig ist, dass nur Investitionen in neue Maschinen als förderungswürdig anerkannt werden. Bisher war es möglich, dass z.B. ein deutscher Unternehmer seine alte Produktionsanlage nach Tschechien bringen und diese Technik dann vor Ort weiter nutzen konnte. Gleichzeitig winkten ihm dafür noch staatliche Fördermittel. Das ist jetzt so nicht mehr möglich. Seit Januar 2007 zahlt der tschechische Staat nur noch Beihilfen für Investitionen in neue Maschinen und Anlagen. Die tschechische Regierung will mit der Novelle der nationalen Förderprogramme vor allem mittelständische Betriebe unterstützen und Investitionen in neuen Technologien anregen. Bisher war eine Mindestinvestitionssumme erforderlich, die in manchen Regionen Tschechiens bis zu 7 Mio EUR betrug. Die Regierung plant jetzt, die Mindestinvestitionssumme in allen Regionen auf ca. 3,3 Mio EUR (100 Mio CZK) zu senken. Die Unternehmen müssen innerhalb der ersten drei Jahre diese Summe für Investitionen in Immobilien, Maschinenparks und immaterielle Sachanlagen, wie z.B. Software, Lizenzen und Patente, aufwenden. Nur noch bis Ende 2007 ist das zweite nationale Programm zur Förderung neuer Arbeitsplätze in strukturschwachen  Regionen gültig. Dabei werden in ausgewählten Regionen auch kleinere Projekte durch Zuschüsse gefördert. Voraussetzung ist allerdings, dass mindestens zehn neue Arbeitsplätze geschaffen und eine Mindestinvestition von 10 Mio CZK (ca. 330.000 EUR) innerhalb der ersten zwei Jahre vorgenommen wird.

Dow Jones: Wird das neue Kabinett in Prag auch am bestehenden Steuersystem etwas ändern - Stichwort Flat Tax?

Haklova:Darüber wird gegenwärtig nicht verhandelt. Änderungen hat es zuvor bereits gegeben. So wurde die Körperschaftssteuer in den vergangenen drei Jahren von ursprünglich 31 auf 24% gesenkt. Korrekturen wird es aber am bestehenden System der Sozialversicherung geben. Konkret geht es um die Zuschüsse zur Krankenversicherung. Wurde bisher ein Arbeitnehmer krank, hat der Staat die anfallenden Kosten übernommen. Künftig werden sich die Firmen daran beteiligen. Gleichzeitig sollen die Beiträge zur Krankenversicherung gesenkt werden.

 

Das Interview führte Frank Rösch, Dow Jones News.